Die Staupe
Die Staupe ist neben der Parvovirose die wichtigste Infektionskrankheit des Hundes. Sie wird hervorgerufen durch das Staupevirus, einem Vertreter der
Familie der Paramyxoviren, der eng mit dem Masernvirus des Menschen verwandt ist. Im Gegensatz zum Parvovirus handelt es sich bei dem Staupevirus um ein wenig widerstandsfähiges Virus, das in der
Umwelt sehr schnell inaktiviert wird. Die Infektion eines Hundes ist
daher praktisch ausschließlich durch direkten Kontakt mit einem infizierten Hund oder einem anderen infizierten (Wild) Tier möglich.
In jüngerer Zeit wurde deutlich, dass die Staupe nicht nur auf den Hund beschränkt ist. Infektionen wurden bei verschiedenen Marderarten, Füchsen, Waschbären, Robben und Großkatzen in Zoos und in
freier
Wildbahn beobachtet. Besonders dramatisch waren ein staupebedingtes Massensterben von Robben im Baikalsee und von Löwen in der Serengeti. Neben den genannten Vertretern der Fleischfresser ist eine
tödliche Staupeinfektion auch bei wildlebenden schweineähnlichen Tieren, den Halsband-Pekaries, beschrieben worden.
In den letzten Jahren wurden immer wieder kleinere Staupeepidemien beobachtet. Die genauen Ursachen dieser Epidemien wurden häufig nicht aufgeklärt. Bei einem dramatischen Seuchenzug in Finnland
jedoch
zeigte sich retrospektiv, daß ein Großteil der Hundepopulationeinen ungenügenden Impfschutz aufwies. Dies war vor allem auf eine generelle "Impfmüdigkeit" der Hundebesitzer zurückzuführen,
möglicherweise aber
auch auf die Verwendung eines weniger wirksamen Impfstoffes. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass Marder häufig Träger des Staupevirus sind und an dieser Infektion schwer
erkranken. Eine Infektion von Hunden durch Kontakt mit diesen und anderen Wildtieren (z.B. Füchsen) ist daher leicht möglich.
Die Krankheitsbilder einer Staupeinfektion sind vielseitig und reichen von einer Lungenentzündung (Pneumonie) über Darmentzündungen (Enteritiden) bis hin zu Gehirn- und Nervenentzündungen.
Dieses breite Spektrum an Symptomen spiegelt die Vielzahl der Zielzellen des Virus wider. Der Erreger vermehrt sich in den weißen Blutkörperchen
(Lymphozyten), in den die Blutgefäße auskleidenden Endothelzellen, in den Epithelzellen verschiedener Organe (z.B. der Harnblase) sowie
in verschiedenen Zellen des Nervensystems. Etwa 3-6 Tage nach der Infektion werden die ersten Fieberschübe gesehen, die über einen Zeitraum von 10-14 Tagen bestehen bleiben können. Während des akuten
Krankheitsverlaufs in den ersten 2-3 Wochen nach der Infektion stehen die Symptome der Pneumonie, der Entzündung der Schleimhäute (Lid-Bindehäute) und der Enteritis im Vordergrund, bei der
chronischen Verlaufsform sind dagegen die zentralnervösen Symptome auffällig . Die
Infektionen verlaufen in aller Regel akut und enden mit der Genesung oder dem Tod des Hundes. Je nach Hundepopulation und Gesamtsituation können bis zu 50% der infizierten Hunde an der Krankheit
sterben.
Selten kommt es zu einer persistierenden Infektioverbleibt und von diesem ausgeschieden wird.
Als Folge einer Staupevirusinfektion können zentralnervöse
Störungen bestehen bleiben, die sich in Form eines sogenannten Staupeticks äußern, einem Zittern einer Gliedmaße oder des
Kopfes. Nach einer Infektion zur Zeit der Zahnentwicklung kommt
es häufig zu einer bleibenden Schädigung des Zahnschmelzes, was
sich in mißgebildeten und verfärbten Zähnen darstellt.
Diese Störung ist unter der Bezeichnung Staupegebiss bekannt.
Aufgrund der Vielseitigkeit der Krankheitssymptome ist die klinische Diagnose nur eine Verdachtsdiagnose, die unbedingt durch eine virologische Untersuchung abgesichert werden muss. Diese ist jedoch
aufgrund verschiedener Eigenschaften des Erregers und der Infektion nicht einfach. Während der akuten Phase kann versucht werden, das Virus im Blut (Lymphozyten, Vollblut) nachzuweisen. Dies
geschieht in aller Regel durch den Nachweis von viralem Erbgut (DNA) mittels der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), da die Isolierung des Erregers in der Zellkultur außerordentlich schwierig ist.
Ebenfalls möglich ist die Darstellung
von Virusantigen in Abstrichen der Lidbindehaut. Diese Methode führt jedoch aufgrund technischer Probleme bisweilen zu falsch negativen Ergebnissen. Verläßlicher ist die Darstellung von Virus
in
Harnblasenepithelzellen durch Elektronenmikroskopie oder PCR. Hierfür ist eine Urinprobe (5ml) notwendig, in der sich immer einige abgeschilferte Harnblasenepithelzellen befinden. Dieser Nachweis
scheint auch über
die akute Phase der Erkrankung hinaus erfolgreich zu sein. Bei der chronischen zentralnervösen Staupeform kann der Nachweis des Staupevirus im Gehirnwasser (Liquor) versucht werden. Ebenso ist es
möglich, im Gehirnwasser Antikörper gegen das Virus nachzuweisen. Ein positives Ergebnis zeigt verläßlich eine Infektion an. Die Bestimmung von Antikörpern im Blut ist nur unter bestimmten, seltenen
Fragestellungen sinnvoll und diagnostisch auswertbar, da die ermittelten Titer schwanken und in der Regel keine Korrelation mit einer Erkrankung gestatten. Eine prognostische Aussage bei chronisch
kranken Tieren besitzen diese Titer nicht.
Gegen die Staupevirusinfektion sind verschiedene wirksame Impfstoffe verfügbar. Allerdings haben sich nur Lebendvakzinen als wirksam erwiesen und auf dem Markt durchgesetzt. Im wesentlichen werden
zwei Arten
von Impfstoffen eingesetzt: Die so genannten Onderstepoort-ähnlichen Vakzinen beruhen auf einem Impfvirus, das durch Passagen in Hühnereiern oder Hühnerzellkulturen abgeschwächt wurde und das auf
einen Virusstamm zurückgeht, der in den 1930er Jahren isoliert wurde, wohingegen die sogenannten Rockbornähnlichen Vakzinen durch Passagen in Hundezellkulturen abgeschwächt wurden. Beide
Vakzinetypen sind wirksam und ungefährlich. Von Zeit zu Zeit wird über Vor- und Nachteile dieser beiden Vakzinen diskutiert. So sollen die Onderstepoort-Impfstoffe den im Umlauf befindlichen
Feldisolaten weniger
ähnlich sein als die Rockborn-Stämme, und umgekehrt wiederum sollen die Rockborn-Stämme häufiger bei Impferkrankungen nachgewiesen werden. All diese Diskussionen sind jedoch nur theoretischer Natur,
da
eine wirkliche Relevanz der beschriebenen Szenarien nie zweifelsfrei gezeigt worden ist.
Ebenfalls häufig diskutiert wird eine gegenseitige Beeinflussung von Staupevirus- und Parvoviruskomponente
in einer Kombinationsvakzine. Beide Viren verursachen während einer Feldvirusinfektion eine kurzzeitige Schwächung des Immunsystems, die aber nie nach einer Impfung nachweisbar war. Hier besteht also
ein
wesentlicher Unterschied zwischen der Vermehrung von Impf- und Feldvirus. Der Einsatz dieser Kombinationsvakzinen ist daher nicht nur sehr wirksam, sondern auch sicher.
Quelle Virbac




